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Glutfehde

Im Schatten des Täuferkönigs


Die Vorgeschichte zu meinem Roman »Die Frau des Täuferkönigs«

 

Ich bin auf den Namen Emanuel getauft worden. Meine Mutter hat das einst so entschieden, weil dieser Name eine Bedeutung hat: Gott ist mit dir. Ich gehörte zu einer kleinen Gruppe, die mich darin unterstützte, den Bürgern mehr oder minder nützliche Reliquien zu verkaufen. Damit nun ja … verdienten wir unser Auskommen, wenn wir nicht gerade andere Pläne hatten.
Im Monat Juni des Jahres 1534 schuftete ich sechs Tage lang nahe der westfälischen Stadt Rheine in den Stallungen des Gutsherrn Everhard Clunsevoet. Während dieser sechs Tage schaufelte ich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Kuhmist und schob eine schwer beladene Karrette Dutzende Male zu dem riesigen Dunghaufen, der sich hinter den beiden Scheunengebäuden auftürmte. Der einzige Lohn, den ich für diese Plackerei erhielt, bestand aus zwei kargen Mahlzeiten am Tag und einem Platz zum Schlafen in der Kammer der anderen Knechte.
Es hätte mich sehr betrübt, wenn ich nur aus dem einen Grund in diese Gegend gekommen wäre, um auf Clunsevoets Gut zu arbeiten, bis mir sämtliche Knochen im Leib schmerzten. Meine Beweggründe waren freilich anderer Natur. Und ich war auch keineswegs allein nach Rheine gezogen. Vor den Toren der Stadt lagerten meine Gefährten und warteten darauf, dass ich zu ihnen zurückkehren und ihnen den Plan für einen Raubzug darlegen würde, der es uns ermöglichte, dem wohlhabenden Gutsherrn in die Schatulle zu greifen.
In den vergangenen Tagen hatte ich jede Gelegenheit genutzt, um mich mit den Gebäuden und den Menschen auf diesem Gut vertraut zu machen. Natürlich waren mir sofort die beiden großen Holzscheunen ins Auge gefallen, die sich nahe der südlichen Mauer befanden und in denen neben den Futtervorräten auch ein Großteil des Hornviehs untergebracht worden war. Es gab zudem ein Backhaus, eine Hütte, die als Unterkunft der Knechte und des Gesindes diente, sowie eine eigene kleine Kapelle, in der an jedem Sonntag die Messe gelesen wurde.
Vor allem aber war mein Interesse auf das zweistöckige Steinwerk gerichtet, das Everhard Clunsevoet mit seiner Frau bezogen hatte. Clunsevoet war mir recht häufig über den Weg gelaufen. Zumeist stolzierte der Gutsherr in seinem bestickten Hemd, dem Brusttuch, seinem Faltrock und der knielangen Schaube wie ein Fürst umher und schaute überall nach dem Rechten. Der Vorarbeiter Veit und ein Hüne namens Cort hielten sich ständig in Clunsevoets Nähe auf und klebten an ihm wie die Fliegen am Kuharsch.

Everhard Clunsevoet, der stets eine sauertöpfische Miene zu Schau trug, gab häufig mürrische Anweisungen oder schimpfte laut mit den Knechten, die seiner Meinung nach ihre Arbeiten nicht zufriedenstellend verrichteten. Auch ich war bereits in den zweifelhaften Genuss einer solchen Strafpredigt gekommen, als Clunsevoet mich wütend angeblafft hatte, weil ich mich in der Sommerhitze neben dem Stall einen Moment lang dösend in den Schatten gehockt hatte. Sein Unmut ließ mich jedoch kalt, da ich wusste, dass der Gutsherr schon bald einen triftigeren Grund haben würde, mir die Pest an den Hals zu wünschen. Dann nämlich, wenn meine Gefährten und ich sich an seiner Schatulle bereichert hatten.
Davon, dass Clunsevoets Börse prall gefüllt sein würde, konnte ich mich nun überzeugen, als ich meine Mistgabel zur Seite stellte und durch die Stalltür beobachtete, wie einige Reiter auf den Hofplatz trabten und absaßen. Diese Männer, die in den Diensten des Gutsherrn standen, waren vor drei Tagen mit einer Herde von zwanzig Rindern aufgebrochen, und kehrten nun zurück, um Clunsevoet den Erlös aus dem Verkauf des Viehs zu übergeben. Ich sah, wie der Gutsherr ihnen entgegentrat. Einer der Männer reichte Clunsevoet ein Ledersäckchen. Er wog es in der Hand, warf einen kurzen Blick hinein und klopfte dem Mann zufrieden auf die Schulter. Anscheinend war der gewünschte Preis für das Vieh erzielt worden.
Ich atmete erleichtert auf, denn auf diesen Moment hatte ich seit sechs Tagen gewartet.
Als Clunsevoet sich umdrehte und zu seinem Haus stapfte, folgte ich ihm unauffällig. Ich wartete kurz ab, bis Clunsevoet das Steinwerk betreten hatte, dann öffnete ich behutsam die Tür und spähte ins Innere. Das Gebäude besaß nur einige schmale Fensterscharten, so dass der Korridor hinter dem Eingang den ganzen Tag lang von einer Öllampe beleuchtet werden musste. In dem trüben Licht machte ich eine Treppe aus und vernahm von dort Schritte auf den knarzenden Stufen. Der Gutsherr begab sich in den ersten Stock.
Vorsichtig stieg ich die Treppe zwei weitere Stufen hinauf und konnte aus dem Halbdunkel mitverfolgen, wie Everhard Clunsevoet zwei oder drei Schritte von einer Tür entfernt einen Stein auf Kniehöhe im Mauerwerk herauszog und aus dem so entstandenen Loch in der Wand einen Schlüssel an sich nahm.
Ich konnte mein Glück kaum fassen. Clunsevoet war anscheinend ein solch misstrauischer Mensch, dass er diesen Schlüssel selbst vor seiner Ehefrau und seinen Vertrauten verbarg. Nun aber kannte ich dieses Versteck, und das würde ihm zum Verhängnis werden.
Er schob den Stein zurück, ging zu der Tür und schloss sie auf. Als er eingetreten war, lief ich die Treppe ganz hinauf. Ich schob die Tür langsam soweit vor, dass ich durch einen Spalt ins Innere spähen konnte. Vor mir sah ich Everhard Clunsevoet, der mir den Rücken zuwandte. Er langte in ein Regal und nahm einen Zinnkrug zur Hand, aus dem er einen weiteren Schlüssel hervorholte. Dann bückte er sich und schloss eine Eisentruhe an der gegenüberliegenden Wand auf, in die er das Säckchen legte, das gewiss mit Goldgulden gefüllt war.
Ich hatte genug gesehen. Nun, da ich wusste, wo Clunsevoet seine Einnahmen und die Schlüssel zu der Tür und zu der Truhe aufbewahrte, konnte unser Raubzug wie geplant in Angriff genommen werden. Beschwingt lief ich die Treppe hinab, doch ich war noch nicht auf der letzten Stufe angelangt, als mir ein Schreck durch alle Glieder fuhr, denn in diesem Moment betrat der Hüne Cort das Haus und stellte sich mir mit finsterem Blick in den Weg.
»Was hast du hier zu schaffen, Bursche?«, brummte er.
Ich kratzte verlegen meinen Bart und suchte nach einer Ausrede. »Veit«, sagte ich und räusperte mich. »Ich suche den Vorarbeiter.«
»Hier?« Cort runzelte die Stirn. »Du arbeitest erst seit kurzem auf diesem Gut. Wie heißt du?«
»Johan Herdinck«, behauptete ich. Das war der Name, den ich mir für diese Unternehmung zugelegt hatte.
Cort packte mich an der Schulter und zerrte mich mit kräftigem Griff vor die Tür. Der Kerl hätte wohl einen Ochsen mit einem Schlag den Schädel zertrümmern können, und deshalb unterließ ich jeden Versuch, mich mit ihm anzulegen.
»Du findest Veit im Stall. Dort, wo du auch sein solltest«, knurrte der Hüne. Er stieß mich voran. Ich stolperte, konnte mich aber auf den Beinen halten. Eine Entschuldigung murmelnd lief ich rasch zu den Stallungen. Cort behielt mich dabei im Auge.
Dass der Hüne mich bei meiner Erkundung überrascht hatte, ärgerte mich. Alles in allem konnte dieses kleine Missgeschick aber nicht meine gute Laune trüben, so dass mir sogar die Arbeit im Stall guten Mutes von der Hand ging. Denn schon morgen würde ich die Mistgabel ruhen lassen und mit gefüllten Taschen das Weite suchen.

Nach der anstrengenden Plackerei fühlte ich mich ermattet. Dennoch begab ich mich nach der Abendmahlzeit nicht auf mein Lager, sondern stahl mich in der Dunkelheit davon und suchte das knapp eine Meile entfernte Quartier meiner Gefährten auf, das diese außerhalb der Stadt Rheine aufgeschlagen hatten.
Wir reisten zu viert. Außer mir gehörten unserer kleinen Gruppe noch meine zehnjährige Tochter Mieke und der Medikus Reynold an sowie Jasmin, die mich bei meinem eigentlichen Broterwerb unterstützte. Raubzüge unternahmen wir nur, wenn sich eine solche Gelegenheit bot, wie ich sie auf Everhard Clunsevoets Gut vorgefunden hatte. Ansonsten lebten wir davon, von Ort zu Ort zu ziehen und auf den Jahrmärkten meine gefälschten Reliquien an den Mann zu bringen oder Reynolds obskure Wundertränke zu verkaufen.
Ich ließ mich neben ihnen am Feuer nieder und berichtete davon, dass der Gutsherr Clunsevoet eine größere Summe Münzen in Empfang genommen hatte. Nicht ohne Stolz erwähnte ich natürlich auch, dass ich herausgefunden hatte, wo Clunsevoet diese Münzen aufbewahrte und wo er den Schlüssel zu seiner Schatulle versteckt hatte.
»Die meiste Zeit des Tages hockt Clunsevoet allerdings in genau dieser Kammer«, sagte ich. »Darum werden wir für eine Ablenkung sorgen müssen.«
»Was genau hast du im Sinn, Emanuel?«, wollte Reynold wissen, während er einen Haferbrei verspeiste.
»Ein Feuer«, erklärte ich.
»Ein Feuer?«, stutzte Jasmin. »Willst du ihm das Haus in Brand setzen?« Sie verzog das Gesicht.
»Das dürfte schwierig werden, weil es sich um ein Steinwerk handelt«, sagte ich. »Aber zwischen den Scheunen befindet sich ein Fuder Heu. Reynold wird dort das Feuer legen. Das brennende Heu versetzt alle in Aufregung, und der Gutsherr Clunsevoet wird aus seinem Haus eilen, um Anweisungen zu geben, wie das Feuer gelöscht werden soll. In diesem Tumult werden Jasmin und ich zum Steinwerk laufen. Jasmin wird den Eingang im Auge behalten, während ich mich in Clunsevoets Kammer begebe, die Truhe öffne und die Münzen einstecke. Daraufhin nehmen wir die Beine in die Hand und verschwinden von hier.«
»Und dann werden wir lange Zeit keinen faden Brei mehr fressen müssen«, meinte Reynold und ließ den Löffel in die Schale fallen.
»Und ich?«, protestierte Mieke. »Welche Aufgabe habe ich bei diesem Plan?«
»Eine wichtige. Du wirst darauf achten, dass niemand unseren Wagen und unsere Stute stiehlt, während wir fort sind.«
Mieke gab ein abfälliges Zischen von sich und erwiderte trotzig: »Ich will etwas stehlen.«
»Was wir vorhaben, ist etwas anderes, als auf dem Markt einen Apfel in deine Taschen wandern zu lassen«, sagte ich und schaute Mieke ernst an. »An manchen Tagen bereitet es mir Sorge, dass du eine solche Freude daran hast, deine Finger nach dem Besitz anderer Menschen auszustrecken.«
»Wenn der Vater nach Zwiebeln riecht und die Mutter nach Knoblauch, kann die Tochter nicht nach Rosen duften«, raunte Reynold.

 

»Meine Mutter ist tot«, hielt Mieke ihm entgegen.
Reynold tätschelte ihr das Haar. »Das war nur ein Sprichwort.«
Ich beendete diese kleine Geplänkel, indem ich aufstand und verkündete: »Der Plan steht also fest. Wir werden ihn in der Morgendämmerung ausführen, wenn auf dem Gut die Frühmahlzeit eingenommen wird. Legt euch nun schlafen. Ich erwarte euch kurz vor Sonnenaufgang am Tor des Gutshofes.«
Reynold und Jasmin nickten zuversichtlich, und damit war es beschlossen.

 

Am nächsten Morgen trat ich in die Gesindekammer und nahm gemeinsam mit den Knechten und Dienstmägden die Morgensuppe zu mir. Ich stahl mich allerdings bald darauf davon und lief zum Tor. Auf dem Weg dorthin warf ich einen Blick auf das Steinwerk. Ein schales Licht glimmte durch die Fensterscharten. Clunsevoet hatte seine Nachtruhe also ebenfalls beendet. Gut so. Das würde es einfacher machen, ihn aus dem Haus zu locken, wenn das Feuer jeden hier in helle Aufregung versetzen würde.
Am Tor angekommen ahmte ich einen Vogelruf nach und erhielt von der anderen Seite das gleiche Pfeifen als Antwort. Ich löste der Riegel von der Tür und winkte Jasmin und Reynold zu mir.
»Wo soll ich das Freudenfeuer entzünden?«, raunte Reynold mir zu. In seiner Hand hielt er zwei Feuersteine.
Ich wies auf die Scheunen. »Der Heustapel befindet sich zwischen den beiden Gebäuden. Du brauchst nicht abzuwarten. Setz ihn so rasch wie möglich in Brand. Wir wollen keine Zeit verlieren.«
Reynold nickte und lief im Dämmerlicht auf die Scheunen zu. Jasmin und ich traten zum Steinwerk und machten uns bereit, Alarm zu schlagen, wenn das Feuer zu sehen war.
Wir blickten uns in die Augen. In den vergangenen Wochen war Jasmin nicht unbedingt gut auf mich zu sprechen gewesen. Ein Fehltritt, den ich sofort bedauert hatte, sorgte seit geraumer Zeit für eine angespannte Stimmung zwischen uns, doch in diesem Moment spürte ich etwas von der alten Vertrautheit.
»Schau«, sagte Jasmin und reckte ihren Kopf zu den beiden Scheunen, zwischen denen die ersten Flammen und Rauch zu erkennen waren. Wir warteten kurz ab, bis sich das zögerliche Flackern zu einem bedrohlich wirkenden Feuer entwickelt hatte, dann rief ich laut aus: »Feuer! Ein Feuer ist ausgebrochen! Herbei, herbei!«
Sofort waren weitere aufgeregte Stimmen zu hören. Aus der Gesindekammer eilten mehrere Männer zum Brunnen, um eine Eimerkette zu bilden. In der Kapelle wurde die Glocke geläutet, und endlich stürzte auch Everhard Clunsevoet, bekleidet mit seinem Nachthemd und einem samtenen Überwurf, aus seinem Haus und gab mit wedelnden Armen und wütenden Rufen hektische Anweisungen.
Der Gutsherr lief zum Brunnen. Das war die Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte. »Halte Ausschau hier unten und gib mir ein Zeichen, falls wir gestört werden sollten«, sagte ich zu Jasmin, betrat das Steinwerk und eilte die Treppe hinauf. Ich zog den Stein aus der Mauer und holte den Schlüssel hervor. Rasch öffnete ich die Tür zu Clunsevoets Kammer, schaute mich um und entdeckte den Zinnkrug in einem Regal. Als ich diesen zur Hand nahm und umstülpte, musste ich allerdings enttäuscht feststellen, dass er leer war.
Warum in drei Teufels Namen befand sich der Schlüssel zu der eisernen Kiste nicht in dem Krug?
Ich untersuchte das Regal, tastete alles ab, fand aber keinen Schlüssel. Mir blieb keine Zeit mehr für eine weitere Suche. Wenn es nötig war, würden wir halt die ganze Kiste mit uns schleppen und sie später aufbrechen.
Ich rief Jasmin zu mir. Als sie in die Kammer trat, berichtete ich ihr von unserem Problem, und dass wir die eiserne Kiste stehlen mussten, wenn wir an Clunsevoets Münzen gelangen wollten.
Jeder von uns stellte sich an eine Seite der Kiste, und gemeinsam hoben wir sie an. Das heißt, wir versuchten es, doch die Truhe war so schwer, dass wir sie nur einen Daumenbreit in die Höhe stemmen konnten und sie dann keuchend wieder auf den Boden abstellten.
»Himmel«, stöhnte Jasmin. »Was bewahrt der Mann darin auf? Eisenkugeln?«
»Wir schieben sie«, schlug ich vor. Ich stemmte mich gegen die Seite der Kiste, während Jasmin so kräftig am anderen Ende zog, dass ihr Kopf rot anschwoll. Trotz unserer Anstrengung bewegten wir die Kiste kaum eine Elle auf die Tür zu.
»Teufel auch!«, fluchte ich. »Das schaffen wir nicht allein. Wir brauchen Reynolds Hilfe.«
»Selbst wenn Reynold mit anpackt, werden die anderen das Feuer gelöscht, ihre Mahlzeit beendet und eine Messe gefeiert haben, bis wir das Ungetüm von diesem Hof geschafft haben«, schimpfte Jasmin.
»So einfach gebe ich nicht auf.« Ich lief zur Tür und wollte schauen, ob sich Reynold in der Nähe aufhielt, doch kaum war ich unter den Türbalken getreten, als sich mir der Vorarbeiter Veit in den Weg stellte. Ich schluckte und wich einen Schritt zurück.
»Was tust du hier?«, brummte Veit. Er schaute an mir vorbei, und sein Blick fiel auf Jasmin, die noch immer keuchend neben der eisernen Truhe hockte. In diesem Moment schien er zu begreifen, was hier geschah, denn er packte mein Handgelenk und zischte mir entgegen: »Du nutzt das Feuer, um unseren Gutsherrn zu bestehlen. Dafür wirst du deine diebischen Finger verlieren, Johan Herdinck.«

 

Ich zögerte nicht, sondern holte mit der anderen Hand aus und verpasste Veit einen ungelenken Schlag in sein Gesicht. Ich traf ihn nicht allzu hart, aber zumindest wurde er so sehr davon überrascht, dass ich ihn gegen die Wand drücken konnte. Veit war kräftiger als ich, und wahrscheinlich hätte er sich leicht aus dieser Lage befreien und mich überwältigen können. Zu meinem Glück reagierte Jasmin genau richtig, griff nach dem Zinnkrug und schlug diesen beherzt gegen Veits Stirn. Der Vorarbeiter jaulte kurz auf, dann sackte er zu Boden und krümmte sich stöhnend zusammen.
»Verschwinden wir hier!«, drängte Jasmin.
Ich nickte, verzichtete auf einen weiteren Versuch, die Kiste von hier fortzubewegen und eilte mit Jasmin die Treppe hinunter. Nun kam es nur noch darauf an, so schnell wie möglich diesen Gutshof hinter uns zu lassen, denn wenn das Feuer gelöscht worden war, würde sich die Aufregung schnell legen, und Veit würde Everhard Clunsevoet von dem versuchten Raub berichten.
Ich riss die Haustür auf und lief nach draußen. Dort taumelte ich aber sofort wieder zurück, denn hier erwartete mich ein Inferno. Ich hatte damit gerechnet, dass die Knechte das Feuer rasch eindämmen und löschen würden, doch nun blickte ich auf zwei Scheunengebäude, die lichterloh in Flammen standen. Ein Schwall heißer Luft, in der glühende Aschefetzen tanzten, hüllte Jasmin und mich ein. Unter Schreien und aufgebrachten Anweisungen wurde das Vieh vom Hof getrieben. Eine große Herde Rinder stampfte mit weit aufgerissenen, verschreckten Augen an uns vorüber auf das Tor zu. Die Eimerkette am Brunnen war längst aufgegeben worden, denn die Scheunen waren nicht mehr zu retten.
Inmitten dieses Chaos kam Reynold hustend auf uns zugelaufen. Sein Gesicht war vom Rauch geschwärzt. Er hob die Hände, um seine Unschuld zu beteuern. »Ich konnte nichts dagegen tun«, rief er. »Der Wind hat die Flammen auf die Scheunen zugetrieben.«
»Bei allen Heiligen!«, stöhnte ich. Wir hatten Clunsevoet nur bestehlen wollen, nun waren wir dafür verantwortlich, dass sein gesamter Gutshof niederbrannte.
Wir liefen zum Tor, warteten ab, bis die panische Rinderherde das Portal durchquert hatte und flohen in einen nahe gelegenen Wald. Auch nachdem wir die Meile bis zu unserem Wagen zurückgelegt hatten, konnten wir die Flammen und den Rauch hinter uns noch deutlich erkennen.
Mieke hockte auf dem Wagen, blickte skeptisch in die Richtung aus der wir gekommen waren und meinte nur: » Ist euer Plan gelungen?«
»Nichts ist gelungen«, schimpfte ich. »Und nun kein Wort mehr.«
Wir verstauten unser restliches Gepäck auf dem Wagen. Jasmin und ich ließen uns hinten auf dem Gefährt nieder und verschnauften. Reynold setzte sich zu Mieke auf den Bock, nahm die Zügel zur Hand und trieb unsere alte Stute Brunhilde voran.
»Wohin gehen wir nun?«, wollte Jasmin wissen.
Ich zuckte die Schultern. »Nur weit genug fort von hier. Wenn Clunsevoet erfährt, dass ich die Schatulle stehlen wollte, dann wird ihm auch klar sein, wer das Feuer auf seinem Hof gelegt hat.«
»Und dann setzt er alles daran, uns zu finden«, raunte Jasmin.
»Das Beste wird es wohl sein, wenn wir fortan einen großen Bogen um diese Gegend machen«, sagte ich.
»Aber nicht zu groß«, rief Reynold. »In der letzten Augustwoche findet in Osnabrück das Vogelschießen und ein Jahrmarkt statt. Das können wir nicht einfach so an uns vorüberziehen lassen. Wir sollten nicht in Angst erstarren. Dieser Gutsherr sucht nach einem Mann namens Johan Herdinck, nicht nach Emanuel Malitz.«
»Wir werden sehen«, erwiderte ich matt. Reynold mochte recht haben, dennoch befürchtete ich, dass wir uns einen erbitterten Feind geschaffen hatten.
Und mich beschlich die dumpfe Vorahnung, dass ich Everhard Clunsevoet nicht zum letzten Mal über den Weg gelaufen war.
Und genauso sollte es auch kommen … doch das Jahr 1534 hielt für uns noch weitere Überraschungen bereit, nicht zuletzt die Begegnung mit dem Täuferkönig Jan Bockelson in Münster. Aber das ist eine andere Geschichte.