Webseite_Meikäl_rot_3

Leseprobe aus
»Der Bund der Hexenkinder«:

Zurueck
Startseite

Prolog

Sybilla keuchte. Ihre Mutter Josefa hielt ihre Hand in einem festen Griff und zerrte sie so hastig durch die engen Gassen Salzburgs, als wäre sie eine Aussätzige, die den Menschen in der Stadt den Tod bringen würde. Mehrere Male stolperte Sybilla, doch die Mutter riß dann sofort heftiger an ihrem Arm, damit sie weiterlief. Die klirrende Kälte an diesem Januarmorgen des Jahres 1658 kniff wie eine Zange in Sybillas Wangen, und bei jedem Schritt über den vereisten Boden glaubte sie auszurutschen und zu stürzen.
  Die Domuhr schlug zur sechsten Morgenstunde. Aus einigen Häusern waren Stimmen zu hören und hier und da das Klappern von Türen. Die Bürger Salzburgs bereiteten sich auf den neuen Tag vor, doch noch blieben die dunklen Straßen verlassen. Nur einige magere Hunde strichen umher. Sybilla strauchelte erneut und sackte schmerzhaft auf die Knie. Dieses Ungeschick brachte ihr zwei klatschende Maulschellen ein, die ihr Josefa mit zornigem Gesicht verpaßte. Sybilla hob abwehrend die Hände um sich zu schützen und wimmerte. In den sechzehn Jahren ihre Lebens war sie häufig von ihrer Mutter mit wütenden Worten gescholten worden, doch nie zuvor hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, wie in diesem Moment, als sie hier in der Kälte auf den Knien geohrfeigt wurde.
  Josefa griff in Sybillas Haare und zog sie grob zurück auf die Beine.
  »Eil dich!« schimpfte ihre Mutter. »Wenn die Kutsche ohne dich abfährt, treibe ich dich auf deinen Füßen aus der Stadt.«
  Sybilla schwieg nur und versuchte mit Josefa Schritt zu halten. Sie konnte verstehen, daß ihre Mutter so hartherzig mit ihr umging. Die Sünde, die sie auf sich geladen hatte, rechtfertigte diesen Zorn. Und doch wünschte sie sich einige tröstende Worte, denn sie war im Begriff, Salzburg für lange Zeit, vielleicht sogar für immer, zu verlassen und damit auch alle Menschen, die ihr lieb und teuer waren.
  Vor allem quälte sie der Gedanke, daß sie sich nicht mehr von Sebastian hatte verabschieden können. Ihre Trennung trieb ihr die Tränen in die Augen.
  Sie erreichten die Bürgerstadt und kamen bald am Waagplatz an. In den vergangenen Jahren hatte Sybilla hier zu mehreren Gelegenheiten inmitten einer dichtgedrängten Menschenmasse verfolgt, wie die sechsunddreißig Mitglieder des Rates unter freiem Himmel auf hufeisenförmig angeordneten Bänken Platz genommen hatten, um auf der Schranne das Gericht abzuhalten. An diesem Morgen war der Platz verlassen, und doch fühlte sich Sybilla, als hätte man auch über sie ein Urteil gesprochen und eine schreckliche Strafe verhängt.
  Am Rande des Waagplatzes trafen sie auf eine vierspännige Kutsche, vor der zwei Männer und eine Frau standen, die sich frierend die Arme rieben. Ein schlaksiger Kerl, wahrscheinlich der Kutscher, verstaute derweil Gepäckstücke auf dem Dach des Wagens und schwenkte dabei ein Laterne.
  Josefa ließ Sybillas Hand los und trat auf den Mann mit der Laterne zu. Während die beiden miteinander sprachen und die Mutter ihm einige Münzen reichte, legte Sybilla eine Hand auf ihren Bauch, der sich bereits ein wenig wölbte. Der Gedanke an das Kind, das sie erwartete, machte ihr das Herz schwer.

 

  Nachdem das Geheimnis um ihre Schwangerschaft verraten worden war, hatte man Sebastian gezwungen, sich von ihr abzuwenden. In der vergangenen Woche war er ihr ausgewichen, und sie hatten nicht mehr miteinander sprechen können. Hatte er sich so schnell damit abgefunden, daß sie Salzburg verlassen und er sein Kind womöglich niemals zu Gesicht bekommen würde? Sie wollte das nicht glauben.
  Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und zog sie rüde herum. »Verflucht sei er, der Bankert!« zischte die Mutter mit einem giftigen Blick auf Sybillas Bauch. Josefa schüttelte verständnislos den Kopf. »Warum nur straft mich Gott mit dieser Schande.« Die Mutter schob sie zur Kutschentür. »Du hast hoffentlich nicht vergessen, was du tun wirst, wenn du in Rosenheim angekommen bist.«
  »Ich suche eine Frau namens Maria Rogan auf und übergebe ihr den Brief, den du mir in mein Bündel gesteckt hast«, erwiderte Sybilla fügsam und senkte dabei den Blick.
  »Sie wird dir bei der Geburt zur Seite stehen.« Josefa beugte sich an ihr Ohr und raunte: »Du wirst mindestens ein Jahr in Rosenheim bleiben und auch nur ohne das Kind zurückkehren. Sollte Gott dir vergeben, wird er den Bastard nicht am Leben lassen. Ich bete dafür, daß dir der Herr diese Gnade erweist.«
  Ohne etwas darauf zu erwidern wandte Sybilla sich um und setzte sich in die Kutsche. Nach ihr stieg ein Kerl ein, den ein widerlicher Geruch nach ranzigem Öl umgab. Ihm folgte ein kahlköpfiger alter Mann und eine fette Frau, die sich schnaufend neben ihr niederließ und sie dabei gegen den Holzrahmen drückte. Als sich die Kutsche ruckelnd in Bewegung setzte, schaute Sybilla aus dem Fenster, doch ihre Mutter hatte bereits den Rückweg angetreten und stapfte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
  Während die Kutsche die Bürgerstadt passierte und in die Gstättengasse einbog, zog sie aus ihrem Rockschurz ein kleines silbernes Kruzifix hervor. Sie hatte es gestern Abend auf ihrer Bettstatt gefunden, und sie hatte geweint, als ihr klar geworden war, daß dies die letzte Aufmerksamkeit sein würde, die Sebastian ihr zuteil werden ließ.
  Sybilla streckte den Kopf aus dem Fenster. Der eisige Fahrtwind schnitt in ihr Gesicht. Aus zusammengekniffenen Augen machte sie in der Dämmerung die steilen Hänge des Mönchbergs aus. Im vergangenen Jahr hatte sie sich dort häufig mit Sebastian zu ihren verbotenen Treffen zurückgezogen. Zwischen Holundersträuchern und wildem Hopfen hatten sie sich geküßt und schon bald im Rausch ihrer Leidenschaft jedes Verbot mißachtet. Nun hatte sie die Konsequenzen dafür zu tragen.
  Die Kutsche durchquerte das Klausentor und ließ damit die Stadt Salzburg hinter sich. Wehmütig strich Sybilla mit der Hand über ihren Bauch. Ihre Mutter hatte behauptet, das Kind sei verdammt, weil es der Saat des Teufels entsprungen war, doch insgeheim hoffte Sybilla, daß ihrem Sohn oder ihrer Tochter Gnade widerfuhr. Sie wollte nicht, daß dieses Kind starb. Und wenn diese Hoffnung zur Folge hatte, daß sie sich von Salzburg fernhalten mußte, dann würde sie auch die Bürde auf sich nehmen, für immer in Rosenheim oder an einem anderen entfernten Ort zu leben.