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Leseprobe aus »Die Falken Gottes«:

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Kapitel 1

Eiligen Schrittes kämpfte sich Anneke durch das sperrige Unterholz des Waldes, bis sie den Bachlauf erreichte, in dem die Sonnenstrahlen, die sich durch die Baumkronen zwängten, im dahinströmenden Wasser funkelten. In der Nähe hörte sie eine Amsel singen, und ein sanfter Windhauch streichelte an diesem Spätsommertag über ihr Gesicht. Anneke schaute sich um und befand, daß dies ein guter Ort war, um die freie Zeit zu nutzen, die ihr der Schankwirt Seybert Monsbach gewährt hatte.
  Sie setzte sich an den Bach, streifte ihre Holzpantinen ab und tauchte die schmutzigen Füße in das kühle Wasser. Aus ihrer Schurztasche zog sie ein Büchlein mit abgegriffenem Ledereinband hervor. Es war das Gebetbuch ihrer Dienstherrin. Anneke bereitete es Unbehagen, sich vorzustellen, welche Strafe sie erwarten würde, wenn Lucia Monsbach erfahren sollte, daß ihre Magd das Buch aus der Eichentruhe in ihrer Schlafkammer entwendet hatte. Auch wenn die Seiten des Gebetbuches bereits vergilbt und zum Teil eingerissen waren und der speckige Ledereinband an mehreren Stellen so dünn schimmerte, daß man die dahinterliegende Pappe erkennen konnte, wachte die Monsbach-Wirtin über dieses Buch – das einzige, das sich im ganzen Haus befand – so gewissenhaft, als hinge ihr Seelenheil von den bedruckten Seiten ab.
  Stockhiebe, Ohrfeigen oder eine ohrenbetäubende Strafpredigt, deren Tonlage in etwa dem Bellen eines Hundes entsprach – Anneke vermied es, sich weitere Konsequenzen für ihr Vergehen auszumalen. All diese Strafen hatte sie schon für weit geringere Nachlässigkeiten über sich ergehen lassen müssen, und sie war nicht die einzige, die auf diese Weise unter den Launen der Monsbacherin litt. Sogar der Schankwirt Seybert bekam beizeiten den Jähzorn seines Eheweibes zu spüren. Es hieß, die Frau sei dem Manne untertan, weil Gott sie aus der Rippe Adams geschaffen habe. Nun, Anneke nahm an, daß dies für Lucia Monsbach nicht zutraf. Wenn Anneke die Monsbach-Wirtin und ihren Ehemann zusammen sah, kam ihr keine Rippe in den Sinn, sondern der Fuß, mit dem ihre Dienstherrin Seybert häufig in den Hintern trat.
  Seybert war im Grunde ein gutmütiger Mensch. Er wirkte ein wenig grobschlächtig, und sein Gesichtsausdruck erinnerte Anneke an einen Ochsen. Sie war vor nunmehr fast zwei Jahren als Magd in die Dienste der Monsbachs getreten, und schon vom ersten Tag an war ihr nicht verborgen geblieben, wie oft er sie verstohlen anstarrte, wenn sein Weib sich nicht in der Nähe aufhielt. Dann und wann passierte es auch, daß er Anneke so nah kam, daß sie wie zufällig von seinem Oberarm oder seinem Knie gestreift wurde. Es hatte daher nicht lange gedauert, bis Anneke begriffen hatte, daß Seybert ihr so manchen Vorteil verschaffen würde, wenn sie nur ein wenig nett zu ihm war.
  Obwohl Anneke die Nähe des rotwangigen und froschäugigen Schankwirtes anwiderte, spielte sie hin und wieder mit seiner allzu offensichtlichen Begierde. Sie zwinkerte ihm kokett zu oder lächelte scheu, was ihn schließlich ermunterte, sie stärker zu bedrängen.
  Anneke hatte Seybert niemals zwischen ihren Beinen liegen lassen. Mit ihren siebzehn Jahren legte sie keinen Wert darauf, ihre Jungfräulichkeit an diesen plumpen Mann zu verlieren. Sie gestattete ihm auch nicht, sie zu küssen, selbst wenn er oftmals wie ein Kind darum bettelte. Doch sie trotzte ihm Gefälligkeiten ab, indem sie es zuließ, daß er sie berühren und an ihrer Haut riechen durfte.
  Zumeist bestanden diese Aufmerksamkeiten darin, daß Seybert ihr aus der Stadt Honiggebäck oder kandierte Früchte mitbrachte. Und er hatte seine knauserige Frau sogar davon überzeugt, Anneke für den Kirchgang am Sonntag neu einzukleiden, damit sie an diesen Tagen das abgewetzte Wollhemd ablegen konnte, das sie für gewöhnlich ständig trug und dem schon seit Monaten allzu deutlich der muffige Geruch ihres Schweißes und der Stallarbeit anhing.
  Selten kam es vor, daß Seybert es ihr erlaubte, ihre Arbeit für eine gewisse Zeit ruhen zu lassen. Natürlich war dies nur möglich, wenn Lucia die Schenke für mehrere Stunden verließ − so wie auch heute, als die Wirtin in der Früh aufgebrochen war, um ihre erkrankte Schwester im nahen Ort Hagen aufzusuchen.
  Anneke küßte den Ledereinband des Buches und bat Gott um Vergebung für die Sünde, die sie begangen hatte, damit sie sich mit diesem Buch in den Wald zurückziehen konnte. Sie hoffte, der Allmächtige würde Verständnis dafür aufbringen, daß sie sich heute morgen auf Seyberts Schoß gesetzt und seine Berührungen ertragen hatte. Seyberts Hände hatten grob ihre Brüste gedrückt, waren auf ihrem Hemd bis zur Hüfte gewandert und hatten sich über ihren Schenkeln in den Stoff der Schürze gekrallt. Als sie seine feuchte Zunge an ihrem Hals gespürt hatte und sein Atem in ein heftiges Schnaufen übergegangen war, hatte sie ihn schnell von sich gedrängt und ihre Belohnung eingefordert. Seyberts Erregung ängstigte sie. Das meiste, was sie über die körperliche Vereinigung wußte, hatte sie auf den Wiesen beobachtet, wenn die Feldhasen sich besprangen und in einem schnellen Stakkato für ihre Nachkommenschaft sorgten. Zwar bezweifelte Anneke, daß der behäbige Seybert jemals so flink wie ein Hase gewesen war, doch sie mußte auch an die Worte ihrer Mutter denken, die einmal zu ihr gesagt hatte, daß Männer sich in Tiere verwandelten, wenn sie von der Lust besessen waren.
  Anneke schlug das Buch auf und fuhr mit einem Finger die Buchstabenreihen entlang. Mit lauter Stimme las sie den Test eines Psalms: »Ich… ha…be mir vor…ge…nom…men: Ich w…will mich hü…ten, daß ich n…nicht sün….di…ge mit mei…ner Zun…ge; ich will mei…nem Mund ei…nen Za…Zaum an…le…gen, so lan…ge ich den Gott…lo…sen vor mir se…hen muß.«
Es ärgerte Anneke, daß sie die Buchstaben nur stockend zu Worten zusammenfügen konnte, und sie haderte einmal mehr mit dem bitteren Schicksal, das ihr früh den Vater genommen und ihr Leben in diese freudlose Richtung gelenkt hatte.
Anneke war davon überzeugt, daß sie ohne ihren Vater niemals den unablässigen Eifer entwickelt hätte, Lesen und Schreiben zu erlernen. Er hatte in Paderborn das Druckerhandwerk erlernt und war von den Wirren des Krieges nach Osnabrück verschlagen worden, wo er bald darauf geheiratet und als Geselle in die Dienste des einzigen in der Stadt ansässigen Buchdruckers Martin Mann getreten war.
  Sie hatte sich oft in der Druckerei aufgehalten; sei es, weil ihre Mutter sie mit einem Auftrag zum Vater ausgeschickt hatte, oder − was weitaus häufiger vorgekommen war − weil sie sich ganz einfach aus dem Haus davongestohlen hatte. Ihr Vater hatte sie dann zumeist nicht fortgeschickt, sondern sie auf eine Bank gesetzt und ihr erklärt, wie man eine Druckerpresse einrichtete und mit den lederüberzogenen Ballen die Farbe gleichmäßig auf die aus Bleilettern zusammengestellte Druckform auftrug. Wenn er anschließend die Abzüge auf die korrekte Ausrichtung der Absätze und Zeilen kontrolliert hatte und darauf, ob einzelne Lettern verdreht oder beschädigt waren, hatte er Anneke mit den Buchstaben des Alphabets vertraut gemacht. Wenn es ihr gelungen war, aus ihnen Wörter zu bilden, hatte er ihr hin und wieder auch eines der kleinen, vierkantigen Bleistäbchen geschenkt, an deren Kopfende sich eine winzige Drucktype befand. Anneke bewahrte diese Bleilettern in einem Holzkästchen auf und holte sie auch heute noch oft hervor, um die spiegelverkehrten Buchstaben zu betrachten.
  Damals hatte ihr Vater oft davon gesprochen, daß er eine eigene Druckerei gründen wolle. Wenn nicht in Osnabrück, wo die Arbeit kaum für zwei Meister ausreichen würde, dann in einer anderen Stadt, in der noch kein Drucker ansässig war.
  Vielleicht hätte auch sie dort das Handwerk ihres Vaters erlernen können. Anneke war sein einziges Kind, und auch wenn ihre Mutter sich oft über die Flausen beklagte, die ihrer Tochter in den Kopf stiegen, hatte der Vater Anneke niemals das Gefühl gegeben, daß sie für ihn weniger wert war als ein Sohn.
»Du bist mir so gut wie ein Junge«, hatte er einmal zu ihr gesagt, was Anneke sehr stolz gemacht hatte. Doch alle Träume und Hoffnungen lösten sich schon bald darauf in Luft auf.
  Anneke war noch keine acht Jahre alt, als ihr Vater starb. Er trat auf einen rostigen Nagel, der sich in seinen Fuß bohrte. Die Wunde entzündete sich und vergiftete sein Blut. Ein Bader entschloß sich, den faulenden Fuß zu amputieren, doch die Entzündung hatte sich schon in seinem Bein ausgebreitet. Ein zweiter zu Rat gezogener Medicus wickelte die Eingeweide eines Wolfes um den Stumpf, um das Gift aus dem Körper zu ziehen, doch auch diese Behandlung konnte Annekes Vater nicht das Leben retten. Er starb im Herbst des Jahres 1637 und auch heute noch, zehn Jahre später, grübelte Anneke oft darüber nach, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn ihr Vater den Fuß nur eine Elle weiter zur Seite gesetzt und den Nagel verfehlt hätte.
  Nach Ablauf der Trauerzeit hatte Annekes Mutter einen Knecht aus der Ortschaft Gellenbeck geheiratet, und sie waren aus Osnabrück fortgezogen. Zwar wurde es Anneke erlaubt, an einem Nachmittag in der Woche die Dorfschule zu besuchen, doch sie lernte dort zu ihrem Verdruß kaum etwas hinzu.

 

  »Gott liebt die Fleißigen unter den Menschen«, hatte ihr Lehrer, der magere, hohlwangige Pfarrer Scheffler stets behauptet. Wenn das wirklich stimmte, mußte der Allmächtige Scheffler gewiß sehr gram sein, denn zumeist hatte der Unterricht darin bestanden, daß der Pfarrer seinen Schülern einige einfache Aufgaben zugeteilt und daraufhin die Augen zu einem Schläfchen geschlossen hatte. Obwohl es Anneke selbst im Vergleich mit den älteren Kindern weitaus leichter fiel, mit Buchstaben, Wörtern und auch Zahlen umzugehen, erhielt sie nur selten ein Lob von ihrem Lehrer. Ihr fiel auf, daß es Scheffler weitaus leichter fiel, die Leistung der Knaben hervorzuheben, während ihm ein ermunterndes Wort zu einem der Mädchen so schwer über die Lippen kam, als würde er gezwungen, der Heiligen Mutter Kirche abzuschwören. Wahrscheinlich befand er es schlicht als Zeitverschwendung, diese Mädchen und jungen Frauen zu unterrichten, deren Wert doch vor allem darin bestand, dem Mann zu dienen, den Haushalt zu versorgen und Kinder zu gebären.
  Wie es schien, glaubte Annekes Mutter dafür Sorge tragen zu müssen, daß ihre Tochter nicht von diesem vorherbestimmten Weg abwich. Kurz nach ihrem fünfzehnten Geburtstag wurde Anneke von ihr nach Lengerich geschickt, einem kleinen Ort zwischen Münster und Osnabrück, um dort in der Monsbach-Schenke als Magd zu arbeiten. Nun gab es keine Möglichkeit mehr, die Schule zu besuchen. Da für gewöhnlich ihr gesamter Tagesablauf nurmehr aus Arbeit bestand, bedurfte es Seyberts Wohlwollen und der passenden Gelegenheit, um sich für kurze Zeit mit einem Buch zu beschäftigen und den Erinnerungen an eine bessere Zeit nachzuhängen. Vielleicht war sie auch nur deshalb so versessen darauf, Lesen und Schreiben zu beherrschen, weil sie nach dem Tod ihres Vaters zu oft gesagt bekommen hatte, daß es für ein Mädchen wie sie nur eine Zeitverschwendung sei, die Nase in Bücher zu stecken. Daher war genau das für Anneke eine Herausforderung. Auch wenn diese Fertigkeiten für ihre Arbeiten in der Küche und im Stall völlig unnötig waren, gab es ihr ein gutes Gefühl, wenn sie die gedruckten Wörter las oder sich mit dem Kohlestift, den sie in ihrer Kammer unter einem Dielenbrett versteckte, darin übte, Buchstaben auf Steine oder Bretter zu schreiben.
  Anneke las den Psalm noch einmal über und erfaßte erst jetzt den Sinn der Wörter.
  »Ich will meinem Mund einen Zaum anlegen«, wiederholte sie eine Passage und schmunzelte. Auch ihr fiel es schwer, ihre spitze Zunge zu zügeln. Lene, die Tochter der Monsbachs, hatte Anneke oft gewarnt, daß sie durch ihr loses Mundwerk eines Tages in arge Schwierigkeiten geraten würde.
Anneke blätterte einige Seiten um und konzentrierte sich auf einen weiteren Psalm.
  »Aus Zi…Zion bri…bricht an d…der schö…ne Glanz Gottes. Un…ser Gott kommt u…und schwei…get nicht. Fes…seln…des Feu…er g…geht vor i…ihm her und um i…ihn her e…ein mäch…ti…ges Wet…ter.«
Ein dutzendfaches Flügelschlagen riß Anneke aus ihrer Konzentration. In der Nähe stieg mit viel Geschrei ein Vogelschwarm über den Baumkronen auf.
Nur einen Augenblick später ließ ein Knall Anneke zusammenzucken. Vor Schreck glitt ihr das Buch aus den Händen, und es fiel auf den Boden. Sie vernahm das Getrappel von Hufen, ein Wiehern und Schnauben, dann war es plötzlich still.
Anneke langte nach dem Gebetbuch, drückte es in ihren Schoß und schaute um sich. Nun hörte sie erneut ein Wiehern. Die Straße nach Osnabrück zog sich nicht weit von hier durch den Wald. Wahrscheinlich hatte es einen oder mehrere Reiter in das Unterholz verschlagen.
  Dieser Knall – jemand mußte eine Pistole abgefeuert haben. Vor einigen Wochen hatte ein betrunkener dänischer Offizier vor der Schankwirtschaft der Monsbachs übermütig mit seiner Pistole auf das Stalltor geschossen, und dieser Schuß hatte genauso wie das Getöse aus dem Wald geklungen.
Lauf einfach weg, ging es ihr durch den Kopf, doch gleichzeitig reizte es sie, einen Blick darauf zu werfen, was dort nahe der Straße vor sich gehen mochte.
  Anneke horchte in Richtung des Schusses und glaubte eine Stimme zu hören. Sie erhob sich und schlich geduckt darauf zu.
  Sie hatte etwa zwanzig Schritte zurückgelegt, als sie eine Bewegung erhaschte. Anneke verbarg sich hinter den Stamm einer Kiefer und konnte einen Steinwurf entfernt zwei Pferde und zwei Männer ausmachen. Einer der beiden war zu Boden gestürzt und kroch keuchend vorwärts. Von seinem Rücken stieg eine dünne Rauchfahne auf. Anneke stockte kurz der Atem, als sie die Blutspur bemerkte, die dieser Mann hinter sich ließ. Sie krallte vor Furcht die Finger in die Baumrinde, aber es war ihr nicht möglich, den Blick abzuwenden.
Der andere Kerl war von seinem Apfelschimmel heruntergestiegen und kam auf den Verwundeten zu. Er war mit einem abgewetzten Lederwams bekleidet, dessen Schnüre über der Brust zu Schluppen gebunden waren. Trotz seines breitkrempigen Filzhutes konnte Anneke das Gesicht des Mannes sehen. Seine Augen standen eng zusammen. Er trug einen kurzgeschnittenen rötlichblonden Bart, doch ihr fiel vor allem seine Nase auf, die ihm so schief im Gesicht saß, als wäre sie schon häufig von Fäusten bearbeitet worden.
  Mit ausdrucksloser Miene trat der Schiefnasige mit dem Stiefel gegen den vor ihm kauernden Mann. Der Verwundete stürzte ganz zu Boden, stöhnte laut und stieß einen kehligen Schrei aus, als der Schiefnasige seinen Stiefelabsatz in die Schußwunde bohrte. Ein weiterer Tritt drehte den Blutenden auf den Rücken. Der Mann beugte sich zu seinem Opfer herunter, entriß ihm eine Tasche, die der Verwundete an einem Ledergurt um den Körper trug, und rief ihm etwas zu. Anneke konnte die Worte von ihrem Versteck aus hören, aber sie verstand sie nicht. Es mußte sich um eine fremde Sprache handeln. Der Verwundete brachte mit der Verzweiflung eines Todgeweihten krächzend eine Erwiderung hervor, auf die der andere Mann mit einem Lachen reagierte und mit weiteren Worten, deren Tonfall keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß er sein Opfer verspottete. Schließlich richtete der Meuchler sich auf, zog einen Degen blank und trieb die Waffe den am Boden liegenden Mann zuerst in die Brust und dann zweimal in den Bauch. Jeder Stich ließ den Sterbenden im Todeskampf zusammenzucken, und er jaulte auf wie ein Tier. Dann bewegte er sich nicht mehr.
  Der Schiefnasige schleifte die Leiche in eine Senke, schob mit dem Stiefel Laub über den Körper und scheuchte das Pferd des Toten mit einem Schlag auf das Hinterteil davon. Er hängte sich die Tasche um und stieg auf seinen Apfelschimmel. Anneke hörte, wie sich der Hufschlag entfernte.
  Sie atmete mehrmals tief ein und aus und wartete ab, bis sich ihr Herzschlag beruhigt hatte. Niemals zuvor hatte sie gesehen, wie ein Mensch getötet wurde, und das elendige Jaulen, das dieser Mann vor seinem Tod von sich gegeben hatte, klang ihr noch immer in den Ohren.
  Erst als sie davon überzeugt war, daß sich der Mörder außer Sichtweite befand, wagte sie sich aus ihrem Versteck hervor. Ihre Finger, mit denen sie noch immer das Gebetbuch wie einen schützenden Schild vor ihre Brust preßte, zitterten, und auch ihre Knie fühlten sich so weich an, daß sie ihre Schritte schwankend setzte.
Sie näherte sich der Senke, in die der Mörder sein Opfer geschleppt hatte, und hockte sich neben die Leiche. Anneke konnte unter dieser Laubschicht die Stirn des Mannes erkennen und auch den blutbeschmierten dunkelblauen Mantelstoff.
Obwohl sie sich vor dem Toten fürchtete, wischte sie das Laub von seinem Gesicht. Ein hübsches Antlitz kam dort zum Vorschein. Die Miene des jungen Mannes wirkte so unschuldig, als hätte er sich nur kurz schlafen gelegt.
Vorsichtig hob Anneke den Mantel an und betrachtete das schlichte Stoffwams darunter. Er war wie ein einfacher Bürger gekleidet. Womöglich handelte es sich um einen Postreiter, der eine so wichtige und gefährliche Nachricht mit sich geführt hatte, daß sie ihm zum Verhängnis geworden war.
Sie streckte die Finger nach dem Wams aus, doch in diesem Moment schlug der vermeintlich Tote die Augen auf. Anneke erschrak und stieß einen spitzen Schrei aus, denn er hatte nach ihrem Handgelenk gegriffen.
  »Nicht!« keuchte Anneke heiser. »Laß ab von mir!«
Seine Finger drückten fester zu, während er einige Worte hervorbrachte
  »Nein, Nein«, rief Anneke und versuchte sich aus seinem Griff zu lösen. »Ich verstehe deine Sprache nicht.«
  »Geh zu Magnus Ohlin«, sagte der Mann nun auf deutsch. Er hustete. Blutiger Speichel floß aus seinen Mundwinkeln. »Magnus Ohlin … sag ihm …«
Die Finger erschlafften. Seine Augen flackerten. Der Körper spannte sich, und er ließ seufzend den Atem entweichen.
  Anneke stolperte zwei Schritte zurück und fiel auf den Boden. Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, brach sie einen dünnen Ast ab und strich damit über das Kinn und die Wange des Mannes, doch der rührte sich nicht mehr.
  »Bist wohl nun wirklich gestorben«, sagte sie leise. Anneke schlug rasch ein Kreuz über ihrer Brust, dann rannte sie davon.