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Leseprobe aus
»Der Glasmaler und die Hure«:

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Kapitel 1

Martin Fellinger zuckte überrascht zusammen, als er die heisere Stimme vernahm. Gedankenverloren hatte er vor der Grabtafel gehockt, die Erde aus den Buchstaben der Inschrift gewischt und nicht bemerkt, daß jemand hinter ihn getreten war.
   »Lohnt nicht, den Dreck wegzukratzen, junger Herr. Nicht mehr lang, und der Staub der Hölle wird diese Stadt bedecken.« Ein nervöses Lachen schloß sich der düsteren Prophezeiung an.
   Martin wandte sich um und sah einen alten Mann in zerlumpter Kleidung vor sich. Die Haare des Mannes fielen weiß und strähnig bis auf die Schultern. Aus dem wettergegerbten, von roten Adern durchzogenen Gesicht funkelten hellgraue Augen, die allzu offensichtlich den Irrsinn des Alten verrieten. In seiner Hand hielt der Greis ein kleines Holzkruzifix, das er zum Himmel streckte, als hoffe er, Gott damit berühren zu können.
   »Der gütige Vater verschließt die Augen vor uns.«
   Auf den Straßen, in der Nähe der Kirchen oder unter den Laubengängen war Martin der Alte schon oft aufgefallen. Zumeist kniete er auf dem Pflaster, erflehte Almosen und stammelte zusammenhanglose Sätze, die in düsteren Schilderungen das Ende der Welt verkündeten. Die Bürger Magdeburgs hatten den seltsamen Kauz verlacht, doch in den vergangenen Wochen war ihr Lachen erstorben und hatte zunächst einem Ausdruck stiller Besorgnis, dann schierer Angst Platz bereitet.
   Aus der Ferne erklang Kanonendonner. Der Kopf des Irren drehte sich ruckartig in die Richtung der entfernten Stadtwälle, wo ein Geschoß krachend in das Mauerwerk einschlug.
   »Ob die Toten das Getöse hören können?« Der Alte formte mit der Hand einen Trichter um sein Ohr und grinste aus einem zahnlosen Mund. »Tief unten in ihren Gräbern werden sie den Herrn lobpreisen, daß er sie mit einem frühen Tod vor dem Inferno bewahrt hat.«
   Martin ignorierte den Alten, der sich endlich entfernte und dabei eine Psalmodie summte. Abgesehen von zwei streunenden Hunden befand er sich nun allein auf dem Kirchhof von Sankt Katharinen. Offensichtlich mieden die Menschen in Magdeburg die Ruhestätte der Toten mit Bedacht. In der Stunde der Not und des drohenden Unheils zogen sie es wohl vor, sich von den Lebenden ermutigen zu lassen.
   Er selbst kam oft hierher und suchte Trost am Grab seiner Eltern und seiner jüngeren Schwester. Wenn er mit der Hand über die in die Grabtafel gemeißelten Namen strich, kam es ihm vor, als wäre ein stummer, aber doch präsenter Teil von ihnen bei ihm geblieben.
   Es handelte sich um eine schlichte Ruhestätte. Als Magdeburg vor einigen Jahren von der Pest heimgesucht worden war, hatte Martins Vater darauf verzichtet, das Epitaph seiner der Seuche erlegenen Frau und Tochter mit dem Text der Leichenpredigt oder salbungsvollen Bibelzitaten schmücken zu lassen. Und als der Vater vor sieben Monaten an einer Entzündung in seinem Gedärm starb, hatten sie seinem Wunsch entsprechend einzig seinen Namen, das Geburts- und Todesjahr sowie sein Handwerk in die Tafel einmeißeln lassen.
   Lukas Fellinger. Glasmaler. 1579 – 1630.
   Auch Martin war in der elternlichen Werkstatt in den Fertigkeiten des Glasmalens und der Kunstverglasung ausgebildet worden, obwohl es überlicherweise als Vorrecht des ältesten Sohnes galt, das Handwerk des Vaters zu erlernen. Lukas Fellinger hatte jedoch früh erkannt, daß sich sein erstgeborener Sohn Sebastian vor allem zur Theologie hingezogen fühlte und den Geschäften der Familie nicht das geringste Interesse entgegenbrachte. Martin hingegen hatte schon als Kind bewiesen, daß ihm das künstlerische Geschick zu eigen waren, dessen es bedurfte, um prachtvolle Szenen und Abbildungen in ein Fenster zu bannen und diese durch den Einfall von Licht zu besonderem Leben zu erwecken. Auch in vielen anderen Dingen hatte Martin dem Vater deutlich näher gestanden als sein Bruder. So hatten sie beide jubilierend die Nachricht begrüßt, daß der schwedische König Gustav Adolf im Juni des vergangenen Jahres mit seiner Armee an der deutschen Küste gelandet war. Sebastian hingegen hatte diesen Tag oftmals laut verflucht.
   Martin hatte den Unmut seines Bruders damals nicht verstehen können. Der große Krieg, in dessen Verlauf das protestantische Heer der Dänen so jammervoll gegen die kaiserliche Armee versagt hatte, schien endlich die Wendung zu erhalten, die ihm von all den selbsternannten Propheten, Zeichendeutern und Auguren vorausgesagt worden war. Der Löwe aus dem Norden trat gegen den katholischen Adler an, um ein geeintes protestantisches Reich zu erschaffen.
   Nun, nachdem die Schweden sich schon fast ein Jahr auf deutschem Boden befanden, fragte Martin sich häufig, wie sein Vater zum jetzigen Zeitpunkt die Kriegslage beurteilen würde. Die Intervention der Schweden hatte den bereits für beendet geglaubten Krieg bis vor die Tore Magdeburgs geführt, das sich neben der Stadt Stralsund zum einzigen deutschen Bundesgenossen Gustav Adolfs erklärt hatte.
   Schon seit Wochen trotzten die unterlegenen Kräfte innerhalb der Stadtmauern tapfer der Belagerung durch das katholische Heer. Die Armee des Generalissimus Tilly hatte Magdeburg von jeglicher Warenzufuhr abgeschnitten. Der Feind hoffte darauf, daß der Hunger die Verteidiger zur Kapitulation zwingen würde. Und so klangen die düsteren Prophezeiungen eines vermeintlichen Irren plötzlich wie die Worte eines Erleuchteten. Die Furcht vor einer gewaltsamen Erstürmung der Stadt lähmte die Köpfe der Bürger. Viele von ihnen verkrochen sich in ihre Häuser und flehten Gott an, seine schützende Hand über sie zu halten und die Feinde niederzustrecken, die doch schließlich einer falschen Lehre folgten.
   Martin indes glaubte noch immer daran, daß das schwedische Heer Magdeburg rechtzeitig entsetzen würde. Allein der Gedanke, daß Gustav Adolf die Elbestadt ohne weiteres dem katholischen Gegner opfern könnte, erschien ihm wie blanker Hohn. Immerhin hatte der Schwedenkönig den Obristen Dietrich von Falkenberg nach Magdeburg entsandt. Falkenberg, der als entschlossener Stratege galt, leitete die Verteidigung der Stadt, und er hatte verkünden lassen, daß er keinen Gedanken daran verschwendete, Magdeburg in die Hände des katholischen Kaisers fallen zu lassen.
   Martin erhob sich und verließ den Kirchhof. Es wurde Zeit, seinen Bruder Sebastian im Dom aufzusuchen.
   Kaum hatte er den stillen Kirchhof hinter sich gelassen und den Breiten Weg, die Hauptstraße Magdeburgs, betreten, da befand er sich bereits inmitten des von hektischer Betriebsamkeit geprägten Stadtlebens. Nachdem schon vor Wochen die Neustadt und die Vorstadt Suderburg auf Befehl Falkenbergs niedergebrannt worden waren, um dem katholischen Heer das Vorrücken an die Festungswälle zu erschweren, drängten sich in der Altstadt an die dreißigtausend Menschen zusammen – auf einem Raum, den sich zuvor nur die Hälfte von ihnen geteilt hatte.
  

 

 

Die Bürger, die ihre Häuser verloren hatten, hielten sich zum größten Teil in der Nähe der zahlreichen Kirchen und Klöster auf. Überall bot sich Martin das gleiche bedrückende Bild. Hunderte Menschen ohne Obdach harrten in den Gotteshäusern und deren Umgebung aus. Ihre blassen Gesichter zeugten von Verzweiflung. Mit dem Verlust ihrer Unterkünfte waren sie von einem Tag zum anderen in die Armut gestürzt worden. Fast jeder von ihnen führte eine Unmenge an Gepäck mit sich. Alles was sie tragen konnten, gleichgültig, ob es sich um Hausrat, Werkzeuge, Mobiliar oder Vieh handelte, hatten sie auf Handkarren herbeigeschleppt, um sich nach der Rückkehr in die Ruinen vielleicht eine neue, karge Existenz aufbauen zu können.
   In der Menge vermischte sich ein hektisches Stimmengewirr mit Kindergeschrei und Tierlauten. Nur wenige waren in der Lage, sich eine warme Mahlzeit zuzubereiten. Die meisten der Leidgeprüften reihten sich in die langen Schlangen vor den Suppenküchen der Kirchen ein und nahmen dankbar die kargen Rationen entgegen. Viele trösteten sich aber auch mit einem Krug Branntwein, so daß in den Straßen zuhauf Betrunkene über das Pflaster torkelten oder vor den Häusern zusammengebrochen waren.
   Immer wieder mußte Martin den heranpreschenden Wagen der Stadtwachen ausweichen, die Feuertöpfe aus Keramik, Pechkränze und Fallgranaten an den Verteidigungswall schafften. Ein Reiter im geschwärzten Harnisch rief Martin zu, den Weg frei zu machen. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihm, zur Seite zu springen und den Hufen des schnaubenden Schlachtrosses Platz zu bereiten.
   Händler sprachen ihn an und boten mit flinken Zungen ihre Waren feil. Der übliche Handel war seit dem Beginn der Belagerung zusammengebrochen. Die Bürger versuchten an Geld und vor allem an Nahrung zu gelangen, indem sie Kerzen, Schuhe, Geschirr oder völlig wertlosen Tand und Zierat verkauften.
   Martin ignorierte die Straßenhändler und schaute schnell zur Seite, sobald er bemerkte, daß ihn erneut einer von ihnen ins Auge gefaßt hatte. Trotzdem brachte er Verständnis für diese Leute auf. Auch seine Frau Sophia bot zu dieser Stunde irgendwo in der Stadt die von ihr hergestellte Seife an. Er machte sich wenig Hoffnung, daß ihre Mühen erfolgreich sein würden. Wen kümmerte schon Reinlichkeit, wenn der Magen knurrte?
   Martin näherte sich dem Dom, der vor ihm als mächtiges steinernes Monument aus dem engen Gewirr der hohen Giebelhäuser aufstieg. In der Umgebung des Gotteshauses hielten sich viele Bettler auf, die flehend die Hände ausstreckten und um Almosen baten. Er bedauerte diese Ärmsten unter den Armen. Gerne hätte er ihnen geholfen, doch selbst er konnte seine Hausgemeinschaft kaum noch ernähren.
   Sein Blick fiel auf einen prächtigen öffentlichen Brunnen, dessen Säule mit bronzenen Figuren aus der griechischen Mythologie geschmückt war. An diesem Brunnen hielten sich etwa fünfzehn Frauen auf, die unschwer als Dirnen zu erkennen waren. Ihre zumeist feisten, nicht mehr jungen Gesichter leuchteten grell von billigem Schminkpuder. Einige der Frauen machten die vorübergehenden Männer durch Rufen auf sich aufmerksam, andere pfiffen, winkten oder vollführten obszöne Gesten.
   Und dann erkannte er Thea unter ihnen.
   Sie stach aus der Gruppe der Dirnen hervor wie eine Königin unter Bauersfrauen. Thea hatte es nicht nötig, ihr Gesicht zu schminken. Sie war jung und besaß eine glatte, makellose Haut. Ihr schlanker und zierlicher Körper wirkte fast knabenhaft. Unter dem schwarzen, seidig glänzenden Haar blitzten zwei dunkle Augen hervor, die sich nun direkt auf ihn richteten. Sie lächelte. Er wandte sofort den Blick von ihr  ab und ging des Weges, ohne ihr weiter Beachtung zu schenken.
   Martin dachte an die Zeit zurück, in der sie sich sehr nahe gestanden hatten. Er kannte Thea, die Tochter des Fischers Heideck, von Kindesbeinen an. Zumeist war er ihr auf dem Fischmarkt begegnet, wo seine Mutter stets bemüht gewesen war, ihn von dem vorwitzigen Mädchen fernzuhalten, das ihn so oft dazu verleitet hatte, die albernsten Grimassen zu schneiden. Später war er häufig allein zum Fischmarkt gelaufen und hatte Thea Zuckerwerk geschenkt, mit dem sie sich in einen Bretterverschlag am Elbufer zurückzogen.
   Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie dort in diesem Versteck gehockt und die süßen Leckereien genossen hatten. Von Thea hatte er gelernt, Angelschnüre aus Pferdehaar zu flechten, und er wiederum hatte ihr all das berichtet, was er über die Glasmalerei und Kunstverglasung wußte. Sie hatte ihm wie gebannt zugehört, wenn er darüber sprach, wie sehr er die alten Meister bewunderte, deren Kirchenfenster mit schlichten koloristischen Mitteln das Sonnenlicht in einen warmen und weichen Glanz zwangen, der sich über die vielfach gebrochenen Winkel und Ecken der Kirchenwände ausbreitete, das Dämmerlicht der Nischen und Einbuchtungenaufhellte und die Stimmung der Menschen beeinflußte.
   Mit der Zeit entwickelte sich ihre kindliche Anhänglichkeit zu einer Schwärmerei unter Heranwachsenden. Martin wußte, daß sein Vater diese Affektion für ein Mädchen aus schlichten Verhältnissen sauer aufstieß. Mehr als einmal hatte er mahnende Worte an Martin gerichtet und ihn beschworen, seine Zeit nicht mit diesem niederen Weibsbild zu verschwenden, dem allzudeutlich der Geruch nach Fisch anhing.
   Als die Pest in Magdeburg ausbrach, war Thea war nicht mehr auffindbar gewesen. Martin lief in das Viertel der Fischer und erfuhr dort, daß Theas Familie die Stadt verlassen hatte. Es stimmte ihn traurig, daß er Thea nun wohl niemals wiedersehen würde. Martin litt unter der Trennung, doch dann begegnete er Sophia, der Tochter eines angesehenen Magdeburger Malers, und er verliebte sich vom ersten Augenblick an in diese Frau, die Thea unbestreitbar in ihrem Äußeren und auch in ihrem Wesen sehr ähnelte.
   Nicht lang nach seiner Heirat traf es ihn wie ein Hammerschlag, als er Thea begegnete. Er sah sie hier an diesem Brunnen, an dem sich heute ihre Wege wieder gekreuzt hatten. Auch damals hielt sie sich inmitten der Huren auf und biederte sich den Männern an. Es hatte Martin angewidert, wie sie sich dort den Tagelöhnern und Landsknechten an den Hals warf. Er selbst war wortlos und mit starrer Miene an ihr vorübergetreten.
   Es galt für einen Mann aus seinem Stand schon als unschicklich, mit der Tochter eines armen Fischers zu verkehren. Einer Dirne auf offener Straße Beachtung zu schenken konnte seinen guten Ruf zerstören. Aus diesem Grund und aus Rücksicht auf Sophia entschloß er sich dazu, Thea fortan mit Mißachtung zu begegnen.