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Leseprobe aus »Hexentage«:

Zurueck
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Kapitel 1

Der hübsche blonde Junge mit den verweinten Augen mochte nicht älter als drei oder vier Jahre sein. Seine Mutter hatte ihn in die Apotheke gebracht, weil er seit Stunden ununterbrochen geweint und über stechende Schmerzen in seinem Bauch geklagt hatte. Anna, die Frau des Apothekers, tastete vorsichtig seinen Leib ab. Stets, wenn ihre Finger in die Nähe seines Magens drückten, verzerrte das Kind sein Gesicht und stieß wimmernde Klagelaute aus, die an das Jaulen einer Katze erinnerten.
     Anna strich dem Jungen tröstend über das Haar und wandte sich zu seiner Mutter um. Wenngleich diese vor allem um ihren Sohn besorgt war, wanderten ihre Blicke dennoch neugierig über das Inventar der Offizin, der Werkstatt dieser Apotheke, die auch als Laboratorium genutzt wurde. Vor allem die zahlreichen mit farbigen Wappen und Etiketten geschmückten Gefäße aus Ton, Glas oder Metall, die säuberlich in den Regalen und Schränken aufgereiht waren, zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich. In diesen Töpfen befanden sich Arzneien und Heilmittel, die aus pulverisierten Früchten, Rinden und Wurzeln gewonnen wurden. Auch Minerale wie Arsenik, Schwefel und Quecksilber fanden hier ihren Platz.
     Die Nasenflügel der Mutter bewegten sich unmerklich und erschnupperten wohl die ungewohnten Gerüche von Süßholz, Kampfer, Baldrian und all dem Unbekannten mit heilbringender Wirkung. Der mannshohe Bronzemörser mit seiner Stoß- und Stampfeinrichtung sowie die beiden brodelnden und zischenden Destillationsapparaturen trugen zusammen mit den eigenwilligen Düften dazu bei, dieser Umgebung eine geheimnisvolle Atmosphäre zu verleihen.
     »So sprecht doch, was ist mit ihm?«, flehte die Mutter, die ihre Aufmerksamkeit nun wieder ganz auf ihren Sohn lenkte.
   Anna bat mit einem Fingerzeig um Geduld, klappte einen abgewetzten Ledereinband auf und blätterte die Seiten durch, bis sie auf die Abbildung stieß, nach der sie gesucht hatte. Sie drehte die Zeichnung der Pflanze in Richtung des Jungen, so dass er sie sehen konnte.
     »Kennst du diese Pflanze?« fragte Anna.
     Der Junge starrte einen Moment lang grübelnd auf die Zeichnung und nickte verhalten.
     »Hast du davon gegessen?«
     Wieder ein Nicken.
     Annas Vermutung hatte sich bestätigt. Wie sie es geahnt hatte, wurde das Kind von einer Vergiftung geplagt. Sicher unangenehm für den Jungen, aber es gab weitaus schlimmere Krankheiten, die ähnliche Symptome aufwiesen. Oft genug kam es vor, dass Anna bei Menschen, die über schier unerträgliche Schmerzen an der rechten Seite klagten, eine Verhärtung ertastete, die darauf hinwies, dass sich an dieser Stelle das Gedärm entzündet hatte. In einem solchen Fall blieb ihr nichts weiter übrig, als diese Männer und Frauen an einen Chirurgen weiterzuempfehlen, wohlwissend, dass ein Patient diese Krankheit nur selten überlebte.
     »Was fehlt ihm?«, verlangte die verzweifelte Mutter zu wissen.
     »Euer Sohn hat vom Ackersenf gegessen. Dieses Kraut schwächt den Körper eines Menschen und verursacht Schmerzen in seinem Magen.«
     »Wird er sterben?«
     Anna schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube nicht. Es war richtig, dass Ihr Euch sofort an mich gewandt habt.« Sie musterte den Jungen und sorgte sich trotz ihrer aufmunternden Worte um ihn. Einen gesunden und kräftigen Menschen konnte der Ackersenf kaum schädigen, doch dieses Kind war mager und geschwächt, seine Arme und Beine nicht viel dicker als die Äste eines jungen Baumes. Sie erinnerte sich daran, dass der Name der Mutter Mareke Wessels war, und dass diese Frau mit ihrem Sohn zu den ärmsten Bürgern der Stadt zählte. Ihr Ehemann, der Scherenschleifer Rudolf, war vor einem halben Jahr auf dem Weg in das Dorf Bramsche von Räubern überfallen und erschlagen worden. Mareke Wessels und ihr Sohn lebten seitdem in einer armseligen Behausung und ernährten sich von den Erzeugnissen ihres kargen Gartens sowie den Almosen, die sie beizeiten erbetteln konnten. Wahrscheinlich gab es an vielen Tagen nicht einmal ein Stück Brot für sie, um ihren Hunger zu stillen. Wen mochte es da verwundern, dass dieses Kind über die Äcker streifte und sich von Unkraut ernährte?
     »Ich werde eine Medizin aus Balsamkraut zubereiten, die Eurem Sohn das Gift aus dem Körper treibt und ihn kräftigt.«
     Anna wollte sich dem Arzneischrank zuwenden, doch Mareke Wessels hielt sie zurück, indem sie eine Hand auf ihren Arm legte. »Bitte wartet, Frau Ameldung.« Ihr ausgezerrtes Gesicht, das die vielleicht dreißigjährige Frau älter aussehen ließ als Anna, die die vierzig bereits überschritten hatte, war von trauriger Resignation gezeichnet. »Ihr wisst, dass ich Eure Dienste nicht bezahlen kann.«
     Anna starrte sie verwundert an. Traute diese Frau ihr tatsächlich zu, dass sie ihrem Kind die Medizin, die nur wenige Groschen wert war, verweigern würde? Im nächsten Moment musste sie sich eingestehen, dass diese Reaktion keineswegs ungewöhnlich war. Es gab viele, zu viele Ärzte und Kurpfuscher in der Stadt, denen das Honorar heiliger war als das Wohl der Patienten.
     »Lasst das Eure geringste Sorge sein«, raunte Anna und machte sich daran, die Arznei zusammenzumischen. Sie zerstieß Balsam, Raute und Betonienkraut in einem kleinen Mörser, drückte den Saft aus und vermischte ihn mit der doppelten Menge eines Abführmittels. Diese Medizin füllte sie in ein Glasfläschchen, verkorkte es und drückte es der Mutter in die Hand.
     »Sorgt dafür, dass Euer Sohn dies an einem warmen Ort trinkt. Entweder wird er dann das Gift erbrechen oder es wird ihm durch das Hinterteil hindurchgehen.« Anna zögerte, dann griff sie in die Tasche ihrer Schürze und förderte eine schimmernde Kupfermünze zutage. Für sie war es kein großes Opfer, doch dieser Frau und ihrem Sohn konnte ihre Mildtätigkeit für einige Tage das Leben erleichtern. »Nehmt es«, sagte sie und schob Mareke Wessels die Münze zu. »Kauft Eurem Sohn davon gute Milch und vielleicht auch Brot und Käse, damit er etwas Nahrhaftes zu Essen bekommt und schnell wieder Kraft schöpft.«
     Mareke Wessels presste das Fläschchen und die Münze an ihren schlaffen Busen und schenkte Anna ein dankbares Lächeln.
     »Ihr seid ein guter Mensch, Frau Ameldung. Das werde ich Euch nie vergessen. Wenn Ihr es wünscht, mache ich mich in Eurem Haushalt nützlich. Ich könnte Holz für Euch sammeln, Euch bei der Wäsche behilflich sein oder Euren Garten pflegen.«
     »Pflegt zunächst Euer Kind«, lehnte Anna das Angebot ab. »Es braucht Eure Hilfe dringender als ich.«
     »Ich stehe tief in Eurer Schuld. Ihr seid fürwahr ein barmherziger Engel. Den bösen Gerüchten, die über Euch verbreitet werden, habe ich ohnehin niemals Glauben geschenkt.«
     Anna quittierte diese letzte Bemerkung mit einem wohlwollenden Nicken. Natürlich wusste sie um diese Gerüchte. Manchmal wunderte es sie, dass überhaupt noch so viele Menschen zu ihr kamen, um ihre Hilfe zu erbitten. 
     »Da ist noch etwas, was ich Eurem Sohn mit auf den Weg geben möchte«, sagte Anna und lief rasch in den Hinterhof, wo sie neben dem Kräutergarten auch ein Blumenbeet angelegt hatte. Sie pflückte die Blüte einer weißen Lilie und reichte diese dem Jungen, der die Blume zweifelnd betrachtete.
     »Es wird sicher noch ein paar Tage in deinem Bauch kneifen, aber diese Blüte wird die Schmerzen in sich aufnehmen«, erklärte ihm Anna. »Du kannst es beobachten. Sie welkt im gleichen Maße dahin, wie du erblühen wirst.«
     Es war ein durchschaubarer Trick, da die Blüte ohnehin vertrocknen würde, aber der Junge nahm die Lilie, betrachtete sie interessiert, und Anna war überzeugt, dass diese kleine Geschichte ihre Wirkung zeigen würde – so wie sie schon vielen anderen Kinder in seinem Alter über den Schmerz hinweggetröstet hatte.
     Mareke Wessel hob ihren Sohn auf dem Arm. Er klammerte sich um ihren Hals und weinte sich weiter an ihrer Schulter aus. Anna begleitete sie aus der Offizin in den der Straße zugewandten Verkaufsraum, der von dem breiten Rezepturtisch dominiert wurde, an dessen kunstgeschmiedeten Aufsätzen die kleinen Handwaagen hingen, die der Apotheker zur Rezeptur benutzte. Ihr Ehemann Heinrich Ameldung stand gebeugt über einem Lesepult, blätterte im Antidotarium und warf über die Augengläser hinweg seiner Frau wenig freundliche Seitenblicke zu.
     »Gott möge Euch schützen«, sagte Mareke Wessels und drückte ergriffen Annas Hand.
     »Euch ebenso«, erwiderte Anna und schaute Mutter und Sohn nach, wie sie ihren Heimweg über den nur wenig belebten Marktplatz der Stadt Osnabrück antraten, der von der prächtigen, in der Blütezeit des gotischen Stils erbauten Marienkirche sowie dem mit der Kirche einen rechten Winkel bildenden Rathaus eingerahmt wurde. Vor wenigen Jahren noch hatten sich zahlreiche Händler und Gewerbetreibende auf diesem Platz getummelt, doch auf Grund des Krieges, der eine große Anzahl rauer und unberechenbarer Söldner in die Stadt gebracht hatte, hatte sich das Handwerk in die sicheren heimischen Werkstätten zurückgezogen und von dort aus den Verkauf betrieben. Selbst an diesem sonnigen und warmen ersten Augusttag des Jahres 1636 wagte sich nicht ein einziger Händler auf den weitläufigen Platz.
     Anna ließ ihren Blick über die Prachtbauten vor sich streifen und machte auf der Rathaustreppe eine hochaufgeschossene Gestalt aus. Es handelte sich um den Ratsherren Jobst Voß, der anscheinend nach etwas Bestimmten Ausschau zu halten schien. Er stierte in Richtung der Straße, die zum Dom führte, dann zuckte sein Gesicht plötzlich nach rechts, und er fixierte Anna mit tiefliegenden, arglistigen Augen.
    

 

     Für einen Moment glaubte Anna den Anflug eines hämischen Grinsens auf seinem Gesicht zu erkennen, doch im nächsten Augenblick drehte Voß sich auch schon wieder ab und stapfte in das Rathaus. Anna schluckte trocken und fragte sich mit Bangen, was dieses Grinsen zu bedeuten hatte. Von Jobst Voß, soviel war ihr klar, war nichts Gutes zu erwarten, denn er war ein enger Vertrauter des Bürgermeisters, und dieser wiederum saugte die unheilvollen Gerüchte, die man über sie verbreitete, so begierig in sich hinein wie ein Kind die Muttermilch.
     Betrübt von diesem unguten Gedanken  kehrte Anna in den Verkaufsraum der Apotheke zurück, wo sie von ihrem sichtlich aufgebrachten Ehemann empfangen wurde.
     »Diese Frau machte auf mich nicht den Eindruck, als wäre sie in der Lage gewesen, deine Dienste zu bezahlen«, rief er.
     »Diese Frau«, entgegnete Anna, »ist kaum in der Lage, sich und ihren Sohn zu ernähren.«
     »Also hast du kein Geld von ihr genommen.«
     »Natürlich nicht.« Herrje, dachte Anna. Wie würde er reagieren, wenn er wüsste, dass ich ihr stattdessen sogar etwas von seinem Geld zugesteckt habe?
     Heinrich Ameldung fuhr sich mit den Händen durch sein schütteres Haar und klagte: »Herrgott, Anna, dies hier ist eine Apotheke und kein Kloster, das Almosen an Bettler und Herumtreiber verteilt.«
     »Aber wir sind Christen, und darum ist es unsere Pflicht, den Bedürftigen zu helfen. Oder willst du das etwa abstreiten?«
     Er wusste im Grunde, dass sie Recht hatte und zuckte deshalb resignierend mit den Schultern. »Du hast einfach ein zu großes Herz. Wenn es sich herumsprechen sollte, dass du Arzneien ohne Bezahlung herausgibst, wird das eines Tages noch uns und die gesamte Osnabrücker Ärzteschaft in den Ruin treiben.«
     Anna lachte und schloss ihn in die Arme. Auch wenn er sich äußerlich bärbeißig und kühl gab, wusste sie doch um seinen guten Charakter. Er beschwerte sich oft darüber, dass sie Arzneien an die Armen verschenkte, aber er verbot es ihr auch nicht. Dies war einer der Gründe, warum sie auch nach vielen Jahren der Ehe noch immer das Gefühl der Liebe für ihn im Herzen trug. Er hatte wohl recht: Sie besaß ein großes Herz, aber ein nicht unbedeutender Teil davon war für ihn reserviert.
     Ein Pochen an der Tür störte ihre traute Zweisamkeit. Es klang energisch, nicht wie das zumeist zögerliche Klopfen der Ärzte und Kranken, die ihr Haus aufsuchten. Heinrich Ameldung löste sich von seiner Frau und öffnete die Tür.
     Abrupt verschafften sich zwei mit Degen bewaffnete Büttel und ein untersetzter Amtmann Eintritt in die Apotheke. Alle drei blickten recht finster in Annas Richtung, und wie vorhin vor der Tür fuhr ihr ein kalter Schauer durch den Leib. Hatte der Ratsherr Voß nach diesen Männern Ausschau gehalten? Wenn ja, konnte es nur bedeuten, dass die Büttel ihretwegen gekommen waren. Anna spürte, dass ihre Knie weich wie Teig wurden, doch sie zwang sich, keine Schwäche zu zeigen.
     »Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?«, fragte Heinrich Ameldung, der angesichts der Situation bewundernswert ruhig blieb. Weitaus nervöser wirkte der Amtmann, doch man merkte ihm an, wie bemüht er darum war, Entschlossenheit an den Tag zu legen, und so verkündete er mit lauter, aber schwankender Stimme: »Meister Ameldung, Eure Frau steht unter dem Verdacht, die Schwarze Taufe empfangen und Zauberei angewandt zu haben. Es ist daher der Beschluss des ehrbaren Osnabrücker Rates, dass Frau Anna Ameldung, geborene von der Heiden, zum Armenhof geladen werde, um sich einer Befragung zur Ermittlung ihrer Schuld zu unterziehen.«
     Ameldung trat einen Schritt auf den Amtmann zu und funkelte ihn aus zornigen Augen an: »Wollt Ihr behaupten, mein Weib sei eine Hexe?«
     »Dem Rat liegen Beweise vor, nach denen...«
     »Der Rat«, fiel ihm Ameldung höhnisch ins Wort, »stellt nichts weiter dar als eine Ansammlung abergläubischer Dummköpfe, die in Panik gerät, wenn des Nachts eine Katze heult.«
     Der Amtmann hob warnend einen Finger. »Mäßigt Eure Zunge, Meister Ameldung. Euch droht eine Geldstrafe, wenn Ihr den Rat beleidigt.«
     Ameldungs Nasenlöcher weiteten sich wütend, und an seinem hochroten Hals trat schimmernder Schweiß hervor. Es ehrte Anna, dass er sie so energisch verteidigte, aber ihr war klar, dass er im Moment nichts gegen den Willen des Rates ausrichten konnte. Sie hatte sich zu sicher gefühlt. Das Gerücht, sie stehe mit dem Teufel im Bunde, machte bereits seit zwei Jahren die Runde in der Stadt, doch erst seit Anfang dieses Jahres, als in Osnabrück zum ersten Mal seit fast einem halben Jahrhundert Frauen unter dem Verdacht der Hexerei festgenommen und hingerichtet worden waren, hatte Anna begriffen, welche Gefahr diese bösartige Tratscherei, die einem dummen Scherz entsprungen war, für sie bedeuten konnte. Trotz allem hatte sie im Grunde nie wirklich erwartet, dass es der Rat wagen würde, die Frau eines der ehrbarsten Osnabrücker Geschäftsmänner der Hexerei zu bezichtigen.
     Allem Anschein nach hatte sie sich geirrt.
     »Meine Frau ist keine Hexe. Sie wurde übel verleumdet«, sagte Ameldung.
     »Sie wurde von mehreren verlässlichen Quellen beschuldigt. Ihr werdet einsehen, dass der Rat diese Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen kann.«
     »Und wenn ich mich weigere, sie gehen zu lassen?«
     »Dann werden wir sie mit Gewalt aus diesem Haus schaffen«, meinte der Amtmann mit einem Seitenblick auf die beiden kräftigen Büttel, die ihn flankierten.
     Ameldung ballte die Hand zur Faust und streckte sie den ungebetenen Besuchern drohend entgegen. »Bei Gott, dann werdet ihr mich niederschlagen müssen.«
     »Hört auf!«, fuhr Anna dazwischen. Es genügte, wenn ihr ein Unrecht widerfuhr. Dass auch ihr Mann davon in Mitleidenschaft gezogen wurde, würde sie zu verhindern wissen.
     Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Ich werde Eurer Aufforderung Folge leisten, denn ich habe nichts zu befürchten. Gott weiß, dass ich mich keines der Verbrechen schuldig gemacht habe, derer Ihr mich bezichtigt.«
     »Das wird sich herausstellen«, sagte der Amtmann.
     Heinrich starrte sie verzweifelt an, doch ihre Entscheidung war unumstößlich, auch wenn es bedeutete, dass sie ihn jetzt vielleicht für immer verlassen musste.
     »Gebt mir einige Minuten, mich umzuziehen.«
     Der Amtmann nickte, gab dann aber, als Anna Anstalten machte, die Treppe in den ersten Stock hinaufzusteigen, einem der Büttel ein Zeichen, woraufhin der Mann ihr prompt nach oben folgte.
     »Keine Sorge, ich werde schon nicht durch das Fenster davonfliegen«, sagte sie, während sie mit zitternden Fingern die Bänder ihrer Haube unter dem Kinn zusammenknotete. Der grobschlächtige Büttel, der sie nicht aus dem Auge ließ, grunzte nur murrend. Anscheinend hatte er ihren Scherz nicht als solchen verstanden.
     Himmel, dieser Mann ist wirklich davon überzeugt, dass ich eine Hexe bin, stellte sie erschüttert fest.
     Aus einer Kleidertruhe suchte sie einen dunkelgrauen, mit Goldfäden verzierten Umhang aus grobem Stoff, der für diese Jahreszeit eigentlich zu warm war. Da Anna befürchtete, dass sie mehrere Nächte auf einem harten Lager verbringen musste, würde er sich aber wohl als äußerst nützlich erweisen.
     Mit einer simplen Befragung würde sich diese Angelegenheit nicht regeln lassen. Anna war sich bewusst, dass man sie in den Bucksturm sperren würde, einen alten Wehrturm, der als Hexengefängnis diente. Sie würden sie in Ketten legen und womöglich sogar foltern, um das Geständnis einer nicht vorhandenen Schuld zu erpressen. Ihr wurde übel bei dem Gedanken daran, dass man sie ihrer Würde beraubte und sie von den Menschen und der Umgebung trennte, die sie liebte.
     Wer soll den Kindern helfen, wenn man mir das Leben nimmt? dachte Anna traurig.
     Als sie wieder in die Apotheke trat, ging sie zu Heinrich und berührte zärtlich seine Wange. Sein Zorn war dahin, er wirkte nun, da sie mit Umhang und Haube vor ihm stand, einfach nur erschüttert. Sein Gesicht war so blass, als hätte man das Haupt mit Mehl bestäubt, und in seinen Augen schimmerten Tränen. Sie hatte ihn in all den Jahren niemals weinen gesehen. Auf diese Art zu erfahren, wie viel sie ihm bedeutete, machte es ihr nur noch schwerer, zu gehen und ihn hier zurückzulassen.
     »Gib mich nicht auf«, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme.
     »Niemals, so lange ich lebe«, erwiderte er leise.
     Flankiert von den beiden Bütteln wurde sie auf die Straße geführt, wo ein Pferdekarren für sie bereit stand. Die Sonne ließ sie unter dem schweren Umhang schwitzen. Anna blieben nicht die neugierigen Blicke der Umstehenden verborgen, die mit Fingern auf sie zeigten und tuschelnd verfolgten, wie sie auf den Karren stieg.
     Der Karren setzte sich in Bewegung und fuhr ruckelnd am Rathaus vorbei. Sie krallte ihre Finger um das Holz des Wagenaufbaus und brachte nicht mehr den Mut auf, sich zur Apotheke umzudrehen. Würde sie das Haus und ihre Familie jemals wiedersehen? Es war qualvoll darüber nachzudenken, und darum musste sie versuchen, diese betrüblichen Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen.
     Aus den Augenwinkeln nahm sie an den Fenstern des Rathauses Bewegungen wahr. Sie ließ sich jedoch nicht dazu herab, ihren Peinigern Beachtung zu schenken. Anna berührte das kleine silberne Kruzifix, das an einer Kette um ihren Hals baumelte. Ihr Stolz und das Vertrauen auf Gott war alles, was ihr nun noch blieb.