Webseite_Meikäl_rot_3

Die Hexenverfolgung in Osnabrück

Zurueck
Startseite

Es wird allgemein angenommen, die Verfolgung von Hexen und Zauberern stelle ein Relikt des Mittelalters dar, doch der Aberglauben, der zehntausenden Frauen und Männern das Leben kostete, fand seine weiteste Verbreitung in der Frühen Neuzeit, genauer gesagt, im 16. und 17. Jahrhundert, als die Verfolgung der Hexen von der kirchlichen Inquisition in die Hände der juristischen Gewalt übergeben wurde. Oft machte sich eine Welle der Hexenverfolgung in den Städten an bestimmten Personen in hohen Ämtern fest, so auch in Osnabrück, wo vor allem die lutherischen Bürgermeister Rudolf Hammacher (im 16. Jahrhundert) und Wilhelm Peltzer (im 17. Jahrhundert) massive Verhaftungen und Prozesse unter dem Verdacht des Verbrechens der Zauberei einleiteten.
   Auf Grund des großen Stadtbrandes von 1613, der sämtliche Prozessakten des 16. Jahrhunderts vernichtete, lassen sich heute die genauen Zahlen der Osnabrücker Opfer aus dieser Periode nicht mehr exakt nachvollziehen. Es wird allerdings vermutet, dass in den Jahren 1583 bis 1592 an die 200 Frauen und Männer verurteilt und hingerichtet wurden.
   Nach einer Ruhephase von mehr als 30 Jahren flammt die Hexenverfolgung 1636 erneut auf. Es ist das Jahr, in dem Wilhelm Peltzer zum Bürgermeister Osnabrücks gewählt wird.
   Als eine schwermütige Frau namens Elsche Berges in einen Brunnen fällt und aus eigener Kraft wieder heraus gelangt, erregt dies den Verdacht von Zauberei. Bereits nach den ersten Verhören gesteht Elsche Berges, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Wenige Tage darauf wird sie mit gebrochenem Hals in ihrem Gefängnis aufgefunden. Man nimmt an, der Teufel sei zu ihr gekommen und habe sie getötet.
   Zwei Monate später wird eine weitere vermeintliche Hexe im Haus des Mannes aufgegriffen, der die zentrale Rolle in dieser Hexenverfolgung einnimmt. Maria Bödiker gehört dem Gesinde des Bürgermeisters Peltzer an, und sie wird beschuldigt, einen Beutel mit Geld entwendet zu haben. Das Geld wird am nächsten Tag vor Peltzers Haus gefunden, doch mehrere Mägde aus seinem Haushalt sagen aus, in der Nach Katzengeschrei gehört und Fledermäuse gesehen zu haben. Allein dies genügt, um Wilhelm Peltzer zu veranlassen, Maria Bödiker verhaften zu lassen.
   Um der Folter zu entgehen, gesteht Maria Bödiker rasch ihre Schuld ein und belastet zudem sieben weitere Frauen. Damit verursacht sie eine Reihe neuer Verhaftungen, in deren Verlauf in den folgenden drei Monaten weitere 31 Frauen unter dem Verdacht der Hexerei gefangen gesetzt, verurteilt und hingerichtet werden.
   Vom Zeitpunkt der Verhaftung, über die Anwendung der Wasserprobe, die als Gottesurteil über Schuld und Unschuld angesehen wird, vergehen bis zum abschließenden Prozess und der Hinrichtung in den meisten Fällen nur wenige Tage.

  

Dies ändert sich, als am 1. August 1636 erstmals zwei Frauen gefangen gesetzt werden, die nicht der unteren Bürgerschicht, sondern dem Stadtpatriziat angehören. Auf Grund des heftigen Widerstandes ihrer Familien vergehen über zwei Monate, bis die Apothekersfrau Anna Ameldung und die Ratsherrenwitwe Anna Modemann ohne jeglichen stichfesten Beweis der Zauberei für schuldig befunden werden. Die intensiven Bemühungen der Familien Ameldung und Modemann bleiben letztendlich erfolglos. Selbst ein schriftlicher Befehl des abwesenden Landesherrn Gustav Gustavson, der den Rat bei hoher Geldstrafe untersagt, die Urteilsfindung voranzutreiben, bleibt unbeachtet. Beide Frauen werden zum Tod durch das Schwert verurteilt.
   Es kann nur spekuliert werden, ob Wilhelm Peltzer diese Hexenprozesse aus persönlichem Interesse vorantrieb. Unzweifelhaft erlangt er durch sein rigoroses Vorgehen unter den Bürgern eine große Popularität, denn nur einer energischen Persönlichkeit wie Peltzer traut man zu, die schwierige Stellung der Stadt gegenüber dem schwedischen Statthalter und der Besetzung durch schwedische Truppen zu meistern. Zudem gilt Peltzers Amtsvorgänger Albert Modemann, der Sohn der vermeintlichen Hexe Anna Modemann, als erbittertster politischer Gegner des Bürgermeisters. Welch besseren Weg kann es für Peltzer geben, seinen Widersacher in Misskredit zu bringen?
   Vor der Hinrichtung gelingt es Peltzer gar, den Apotheker Heinrich Ameldung die Verpflichtung unterzeichnen zu lassen, dass dieser fortan auf jegliches Vorgehen gegen Bürgermeister und Rat verzichten wird. Als Gegenleistung wird seiner Frau die Gnade einer Exekution unter Ausschluss der Öffentlichkeit gewährt.
   In den Jahren 1637 bis 1639 fordert die Hexenverfolgung in Osnabrück weitere 26 Opfer. Dann erst setzt sich der Widerstand gegen Wilhelm Peltzer durch. Vor allem die beiden evangelischen Prediger Grave und Pechlin, die von der Kanzel aus engagiert gegen die Hexenverfolgung Stellung beziehen und auch Albert Modemann, der inzwischen in die Dienste des Landesherren Gustavson getreten ist, setzen alles daran, Peltzer das Amt des Bürgermeisters zu entziehen. Als schließlich der Landesherr höchstpersönlich in sein Lehen zurückkehrt und offen gegen Peltzer opponiert, wird dieser im Januar 1640 gezwungen, auf seine erneute Kandidatur zu verzichten.
   Das Ende der politischen Karriere des Wilhelm Peltzer bedeutet auch die Einstellung der Hexenprozesse in Osnabrück. Die Verfolgung der Jahre 1636 bis 1639 fordern insgesamt 64 Opfer, von denen 62 ihr Leben verlieren. Und obwohl die Hexenverfolgung in Europa erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht, bleibt Osnabrück von weiteren Prozessen versc
hont.

Allen, die sich noch intensiver mit der Geschichte der Osnabrücker Hexenverfolgungen beschäftigen möchten, empfehle ich das Sachbuch »Die Osnabrücker Hexenprozesse« von Heinz Jürgen Stebel (ISBN 3-87898-388-3).